Bin ich nicht genug? Vom ewigen Druck „mehr“ zu erreichen

By Angelika Stranger | Finanzen/Karriere/Beruf

Dez 17
Wann bin ich genug?

„Du bist ein Looser!“

„Du bist „Mittelstand“ (bitte im angeekelten Tonfall aussprechen)!“

„Du bist nicht reich? Was für ein Versager!“

„Wenn du dich mehr anstrengen würdest, würdest du es auch schaffen. Du bist nur zu faul!“

„Du bist kein „Entrepreneur“, hast kein „Business“, kein „StartUp“, bist immer noch angestellt (bitte ebenfalls angeekelt betonen)!“

„Du bist einer der unzähligen Idioten, die noch immer im „Hamsterrad“ zappeln, dabei wäre es doch sooo einfach, wenn du nur meinen Kurs kaufst, meinen Blog liest, mein Buch kaufst, meinen Vortrag anhörst (natürlich kostet der auch was). Und wenn du alles tust was ich dir sage, bist du in einer Woche reich. Und wenn nicht: bist du einfach zu blöd dazu.“

Genau so, in unzähligen Versionen, ist momentan der Ton in der Gesellschaft und den sozialen Medien.

Und ich habe es sowas von satt. Es reicht.

Warum sind wir nie gut genug?

Es reicht jetzt mal mit dem Mittelstands-Bashing. Wir alle arbeiten uns den Arsch ab, um uns ein nettes Leben zu finanzieren.

Es können nun einmal nicht alle reich werden. Sehr viele wollen es auch nicht. Warum ist das schlecht?

Wieso gilt es derzeit als modern, den Mammon über alles zu stellen?

Was ist mit den Grundwerten unserer Gesellschaft, die lange Zeit gut funktionierten? Liebe, Respekt, Höflichkeit, Familie, Fleiß, Hilfsbereitschaft, Frieden. Gilt das nichts mehr?

Und warum ist man automatisch ein „Nichts“, wenn man immer noch angestellt ist und keine eigene Firma hat?

Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Ich bin ein großer Instagram Fan, wie du sicher schon mitbekommen hast, aber derzeit schießen die Accounts wie Pilze auf den Boden, die einem zum „Erfolg“ verhelfen wollen. Und diese Accounts sind alles andere als Nett.

Im Großen und Ganzen werden alle als Idioten verteufelt, die nicht rund um die Uhr Bildungs-Literatur lesen, die auch mal den Fernseher einschalten und die nicht jede freie Minute für die Arbeit aufopfern wollen (schließlich gibt es noch so etwas wie Familie!). Der Tenor daraus: kein Wunder, das man mit so einer Einstellung erfolglos ist! Dabei wäre es so einfach: 100 Stunden die Woche arbeiten, sämtliche Beziehungen fallen lassen und in der spärlichen Freizeit bitte nur mehr Weiterbildung. Spaß ist verboten! Damit wird man nicht reich.

Und alle, die es nicht so machen, sind die Deppen oder was?

Ich bin diesen „Spezialisten“ vor einigen Monaten auf den Leim gegangen. Ich dachte mir: OK, wenn ich noch mehr arbeite und mich noch mehr reinknie, wird es schon was.

Ich habe monatelang wie verrückt an meinem Blog gearbeitet, sehr viel Geld für Kurse und Bücher ausgegeben. In meiner Freizeit habe ich nur mehr „Erfolgs- und Bildungsliteratur“ gelesen oder für meine Kurse gearbeitet.

Ich versuchte mich so zu verhalten, wie man es scheinbar tun muss, wenn man erfolgreich  sein will.

Vor wenigen Wochen kam dann der emotionale Zusammenbruch:

  • Ich war überarbeitet (da ich nebenbei auch noch eine weitere Firma habe und eine Familie mit zwei kleinen Kindern), erschöpft und frustriert, weil die versprochenen Methoden doch nicht so super funktioniert haben.
  • Ich habe zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbracht, war dauernd aggressiv und einfach nur müde. Soo müde. Den ganzen Tag lang.
  • Das Lesen – mein liebstes Hobby seit ich 6 Jahre alt bin –  machte keinen Spaß mehr, weil ich nur mehr der „Bildung“ wegen las und mir keine „Spaßliteratur“ gönnte.
  • Ich mochte mich selbst nicht mehr, weil ich in meinen Augen ein Versager war und es nicht schaffte, noch mehr Energie reinzupulvern. Der Selbsthass kam angekrochen und schmetterte mir so liebenswerte Worte ins Ohr wie: „Du Versager, alle „anderen“ schaffen es auch, du bist nur zu blöd, zu faul, dumm, usw.“
  • Meine Nerven waren äußerst dünn und sofort – wegen Stress, einem unbedachten Wort oder einer Spur Druck – fing ich an zu Weinen.

Als ich eines Abends meinen Kinder anbrüllte, weil das Zähneputzen nicht so super funktionierte wie sonst und ich in Tränen ausbrach, wurde mir endlich klar: ich muss was ändern! So geht das nicht!

Ich habe meine Augen geöffnet, mein Gehirn wieder aktiviert und habe erkannt: alles Mist!

Ich bin den größten Schwätzern auf den Leim gegangen, habe ihnen mein Geld in den Rachen gestopft und blindlings mein komplettes Leben und meine Persönlichkeit weggeworfen für Ziele, die nicht die Meinen sind.

Diese Ziele  – Erfolg, gewisse Verdienstsummen im Jahr, usw. – wurden mir von außen eingegeben. Und zwar so lange, bis ich sie geglaubt habe. Ich habe wirklich geglaubt: wenn ich nicht mindestens 3500,– Netto pro Monat verdiene, bin ich ein Nichts. Wenn ich keine 80 Stunden Woche habe, bin ich nichts wert.

Aber was bitte soll das?

Ich bin mehr, als mein Gehalt

Ich hatte bisher auch nie ein Problem mit meinem Geld. Und auch nie den Anspruch reich zu werden. Ich will einfach ein ruhiges, zufriedenes Leben führen mit so viel Geld, wie ich als finanziellen Polster im Hintergrund brauche, für meine Sicherheit. Mehr will ich gar nicht.

Ich bin einfach eingeknickt, habe der Gesellschaft zu viel Gehör geschenkt und mich verbogen, um deren Anforderungen zu entsprechen.

Nun reichts aber:

  • Ich habe wieder begonnen, Bücher nur der Freude wegen zu lesen. Ist es ein „schlaues“ Buch: super! Ist es ein „unterhaltsames“ Buch: auch super! Ich mache mir keinen Druck mehr.
  • Ich nehme mir wieder Zeit für meine Kinder und arbeite um einiges weniger: dann dauert es halt länger, bis mein Blog so groß ist, wie der meiner Vorbilder! Kann ich auch damit leben! Und wenn er es niemals sein wird, habe ich deswegen nicht versagt. Ich freue mich über jeden einzelnen Leser, dem ich ein Stück weiterhelfen darf. Welcher inspiriert wird durch meine Worte. Das ist mein Lohn! Deswegen habe ich diesen Blog gestartet: weil ich Menschen helfen will!
  • Ich schreibe mir keine ellenlangen To Dos mehr, sondern arbeite fließend meine Tagesaufgaben ab, wie sie gerade erscheinen. Kein Stress mehr durch unerfüllte Listen. Kein Druck mehr durch anstehende Aufgaben. Was anliegt, wird gemacht. Wenn nicht Heute, dann Morgen.
  • Ich schaue nicht mehr, was andere machen, sondern erledige alles so, wie es mir gefällt. In meinem Tempo. Hat jemand zufällig das gleiche Thema am Blog? Ist ok! Hat jemand eine andere Meinung? Auch ok! Verdient jemand mehr als ich? Ebenfalls ok! Mir egal!
  • Ich habe mein Ego runtergeschraubt und es nicht mehr am Einkommen festgemacht. Das war richtig befreiend. Ich bin mir meiner inneren Werte wieder mehr bewusst geworden.
  • Ich lese bzw. folge keinem dieser – für mich – giftigen Accounts oder Blogs mehr. Mache keine Kurse mehr und lese auch keine derartigen Bücher. Sie fördern massivst das Unzulänglichkeitsgefühl und das Gefühl des Versagens. Für solche negativen Lebenslusträuber gebe ich keinen Cent mehr aus.
  • Ich glaube nicht mehr alles, was ich lese: ich habe längere Zeit einen Blog verfolgt, wie man „richtig Geld macht“. Sehr viel davon ist Fake. Von Leuten geschrieben, die von Kindesbeinen an reich waren oder denen der Erfolg in die Wiege gelegt wurde, durch bereits „erfolgreiche“ Eltern. Viele von Ihnen haben ihre eigenen Ratschläge auch niemals befolgt und wissen nicht, wovon sie sprechen. Und wenn für sie ihre Tipps funktioniert haben und für mich nicht, bedeutet das lediglich, dass unsere Leben äußerst unterschiedlich sind.

Befreie dich von deinen falschen Vorbildern

In der heutigen Zeit gibt es scheinbar nur mehr die falschen Vorbilder, die etwas zählen. Schauspieler oder Musiker mit Millionengagen. Geschäftsmänner oder Computermilliardäre.

Das sind keine Vorbilder.

Vorbilder sind für mich Mutter Theresa, Mahatma Ghandi, die Schwedin Greta Thunberg (die erst 15-jährig gegen die herrschende Klimapolitik protestiert) oder Hermann Gmeiner (der Gründer SOS Kinderdörfer). Dies sind wahre Vorbilder.

Vorbilder, von denen man sich etwas abschauen kann im Bezug auf Werte und Leben. Nicht auf Geld. Geld ist nicht alles. Es ist wichtig und super wenn man es hat, das stimmt. Aber es gibt so viel mehr auf der Welt als das. Leider haben dies so viele von uns vergessen.

Lasst uns endlich wieder mit uns selbst zufrieden sein, anstatt der ständigen Selbstoptimierung nachzulaufen und unter permanentem, schlechtem Gewissen zu leiden. Das ist der falsche Weg.

Statt 80 Stunden in der Woche zu arbeiten reichen auch 40 oder 60. Die restliche Zeit ist in der Familie und in der Selbstfürsorge besser aufgehoben.

xo

Angelika

 

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