Selbstfürsorge
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Selbstfürsorge // Der neue Minimalismus oder: warum ausmisten auch Selbstfürsorge sein kann

der neue Minimalismus

Über die Feiertage habe ich das Buch „Slow“ von Brooke McAlary gelesen. In diesem Artikel findest du meinen Bericht dazu.

In diesem Buch geht es zwar vor allem um das Thema Slow Living, welches ich wirklich spannend finde, aber ein Kapitel hat die Autorin dem Thema Minimalismus gewidmet. Oder besser gesagt, dem Thema „ausmisten“.

Es geht darum, wie sehr wir unser Herz, unser handeln und unser Leben auf Gegenstände und Dinge ausrichten. Auch wenn wir es nicht bewusst bemerken, ist dies eine Last für unseren Geist. Materielles kann tatsächlich auch eine immaterielle Schwere haben. Es zieht uns runter.

Im spirituellen Sprachgebrauch gibt es dazu das Wort Verhaftungslosigkeit. Dieses Wort bedeutet schlicht und einfach: wir sollten uns nicht an weltliche Dinge zu eng binden. Auch nicht an Menschen.

Es ist schön, wenn man Freunde hat, aber man sollte schon noch in der Lage sein sein eigenes Leben zu leben, ohne sie. Seine eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne dauernd den Rat von anderen einzuholen. Alleine sein zu können, ohne für immer Begleitung zu benötigen.

Genauso ist es mit Gegenständen: ein Leben in einer schönen Umgebung ist toll, aber mehr auch nicht. Dinge sind keine Werte. Es sind nur hübsche Gegenstände in unserem Haus. Ohne sie geht die Welt nicht unter. Wir sollten also unser Herz, unser Leben, unser Wertgefühl nicht von Dingen abhängig machen.

Besitz verpflichtet

Besitz macht Arbeit. Er will gepflegt werden, sortiert, geputzt und bewundert.

Ständig denken wir daran, das wir dieses und jenes noch erledigen müssen: die Hummelfigursammlung will abgestaubt, die Bibliothek sortiert werden. Das Silberbesteck von Oma und jenes von Onkel Hans müssen beide poliert, die Pokale und Trophäen geputzt und wieder schön aufgestellt werden.

Wenn wir den Geschirrschrank öffnen, müssen wir uns durch 5 verschiedene Gläser- und Geschirrsets wühlen, weil alle Erbstücke der ganze Familie auch noch ihren Platz wollen und das Fenster kann nicht mehr ohne Aufwand geöffnet werden, da zuerst die ganze Deko (alles Geschenke) abgeräumt sein muss.

Das Spielzeug der Kinder muss in 10 verschiedene Kisten und Schubladen einsortiert und unsere Kleidung gewaschen, getrocknet und einsortiert werden (meistens in einen viel zu vollen Kleiderschrank, Stichwort Capsule Wardrobe.).

Besitz sollte aber keine Arbeit machen. Er sollte uns dienen und nützen, wo wir ihn brauchen. Helfen, unterstützen und die Arbeit erleichtern. Nicht noch mehr davon produzieren.

Hat er keinen Nutzen, stört er uns, steht er im Weg und blockiert oder ist schlicht und einfach unnütz, dann gehört er weg. Dann ist er nur Ballast und bringt unnötige Arbeit und Aufwand mit sich. Stiehlt deine Zeit, welcher dann bei anderen Gelegenheiten fehlt. Ist ein Anker, der dich im Alltag festhält. Dich nicht loslässt, wenn du auf zu neuen Ufern willst.

Eine unruhige Umgebung führt zu einem unruhigen Geist.

Ist deine Wohnung oder dein Haus bis in den letzten Winkel vollgestopft, wirkt sich das auch auf die Leichtigkeit deines Inneren aus. Es beschwert dich. Deine Seele, dein Geist können nicht atmen, sich nicht entfalten.

Denke einmal daran, wann du dich zu Hause am wohlsten fühlst: wenn es schön ordentlich, aufgeräumt und sauber ist oder wenn du einige Tage nicht die Möglichkeit hattest für Ordnung zu sorgen und das Chaos herrscht.

Fällt es dir im Chaos leicht motiviert und inspiriert zu bleiben oder doch geht das doch eher im ordentlichen Heim?

Genau das ist der Punkt.

Aussortieren, trennen, sich verabschieden

Ausmisten ist ein brutales Wort. Ich mag es nicht weil es die Vermutung nahelegt, dass alles was wir „ausmisten“ Mist ist, was es nicht ist. Klar geht es dabei auch um Müll, aber eben auch um lieb gewonnen Gegenstände, die uns einen Teil unseres Lebens begleitet haben. Eine gewisse Wertschätzung dafür muss schon da sein.

Ich habe auf Grund der Erfahrung von Brooke den Versuch gemacht und innerhalb von vier Tagen mein gesamtes Haus aussortiert. Sie empfiehlt zwar die langsame Methode, also jeden Tag eine Schublade oder einen Schrank, aber in diesem Fall war ich so motiviert, dass es mir nicht schnell genug gehen konnte.

Ich habe unzählige Kisten mit Büchern und Deko, Haushaltsartikeln, Kleidung, usw. verschenkt, gespendet oder schlicht weggeworfen, wenn etwas kaputt war.

Ich war wirklich in jedem Winkel meines Heims:

  • In jedem einzelnen Raum: Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer, Kinderzimmer , Küche, Büro, Keller, Vorratsraum, usw..
  • Ich habe sämtliche Kategorien durchgearbeitet: Kleidung, Deko, Bücher, Haushaltsgegenstände, Putzmittel, Hygiene- und Pflegeartikel, Arzneien, Sportartikel, Spielzeug, Hobbymaterial, usw.
  • Ich habe jeden einzelnen Schrank, jede Kommode, sämtliche Schubladen und Staufächer durchforstet.

Und dabei bin ich nach folgenden Kriterien vorgegangen:

Bei jedem Artikel habe ich mich gefragt:

  • Brauche ich das noch? Nutze ich es bzw. verwende ich es? (Oder liegt es nur in Kisten verstaut im Keller? Bei vielen Gegenständen habe ich komplett vergessen, dass ich sie überhaupt besitze. So viel zum Thema Nützlichkeit.)
  • Wie oft verwende ich es? (Täglich, wöchentlich, quartalsweise, Saisonal, alle drei heiligen Zeiten, nie?)
  • Ist es nützlich? (Oder ist es eigentlich totaler Schrott und nur deswegen noch im Haus, weil es teuer war?)
  • Gibt es noch andere Gegenstände der gleichen Art im Haus? (zB. brauche ich nicht 5 Kochlöffel oder 3 Schneebesen)
  • Gefällt es mir nur oder „liebe“ ich es? (z.B. Gefallen mir alle meiner 15 Teelichthalter sehr gut, aber lieben tue ich nur genau 2 Stück davon. Genau diese 2 sind auch immer im Einsatz. Die anderen 13 stehen nur im Keller und verbrauchen einen ganzen Regalboden an Platz. Also weg damit.)
  • Warum liebe ich es? Weil es hübsch ist oder weil es einen besonderen, emotionalen Wert für mich hat? (Besonders belastet sind Gegenstände aus der Kindheit, Geschenke oder Erbstücke. Aber mal ganz ehrlich: wer braucht 4 verschiedene Teeservice von Oma? Ich kann nicht mehr als eines davon angemessen präsentieren, die anderen 3 verbrauchen nur Platz im Keller, also weg damit und jemand anderes freut sich darüber)
  • Gibt es noch andere Gegenstände, mit dem gleichen Wert für mich im Haus? (Ich muss nicht zwei ganze Umzugskarton an Kinderzeichnungen aufbewahren. Meine Kinder sind erst in der 1. Klasse und im Kindergarten, es kommt also noch viel mehr auf mich zu.)
  • Kann ich diesen Wert noch anders ausdrücken? (Ich muss nicht von jedem Familienmitglied ein eigenes Foto aufstellen. Es reicht auch ein Familienfoto, wo alle drauf sind, oder eine Kollage.)

Nach diesem System habe ich mein ganzes Haus aus- bzw. aufgeräumt und sage und schreibe 8 große Kartons an Büchern aussortiert, 3 Kartons an Deko, einen Karton mit Spielen verschenkt, 2 große Säcke an Kleidung ausgeräumt und 10 große, schwarze Müllsäcke voll mit Dingen für den Müll gefüllt.

Die Leichtigkeit des Nicht-Besitzes

Auf Grund dieser Erfahrung kann ich tatsächlich sagen, dass ich mich leichter fühle. Mein Haus ist jetzt ordentlicher. Es ist schneller wieder aufgeräumt, da weniger herumsteht. Es wirkt heller und leichter, weil nicht mehr jeder Zentimeter vollgestopft ist mit Deko, Büchern, Küchengeräten.

Ich fühle mich leichter und freier und bis jetzt fehlt mir genau gar nichts. Kein einziges Teil, dass ich aussortiert habe, ist mir abgegangen. Ich habe nichts vermisst.

Alles an seinen Platz

Da jetzt alle Räume leerer geworden sind als zuvor, war es mir möglich, allen Gegenständen, die ich besitze, einen fixen Platz zuzuweisen (statt sie einfach dorthin zu stopfen, wo gerade noch ein Zentimeter frei war). Dort kommen sie sofort nach Benutzung wieder hin.

Ich habe es mir auch zur Angewohnheit gemacht, jeden Abend mit einem Korb zweimal durchs ganze Haus zu gehen. Bei der ersten Runde sammle ich alles auf, was nicht an diesen Platz oder in diesen Raum gehört. Bei der zweiten Runde bringe ich alles dorthin zurück, wo es hingehört.

Meine Probleme beim aussortieren

Ich möchte aber nichts beschönigen. Ich hatte tatsächlich auch einige „Probleme“ mit dieser Aktion.

Meine größten Schwierigkeiten hatte ich tatsächlich mit Schuldgefühlen aller Arten:

Das Geld-Problem

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil alles einmal Geld gekostet hat. Ich hatte das Gefühl, ich schmeiße Geld weg bzw. verschenke es.

Es war mir eine Lehre und wird mich in Zukunft davon abhalten, zu viel zu kaufen.

Ein Trost war mir: die Dinge, die ich weggeworfen habe, waren kaputt, es haben Teile gefehlt oder sie waren zu abgenutzt um noch weitergegeben zu werden. Ich habe also nichts verschwendet, sondern alles benutzt, bis es nicht mehr möglich war.

Anderes, was noch funktionstauglich war, habe ich verschenkt oder gespendet und konnte somit jemand anderem eine Freude machen und demjenigen helfen, zu sparen.

Das soziale Problem

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil andere Menschen auf dieser Welt gar nichts besitzen und ich mich gerade vom Überfluss befreit habe. Ein soziales Schuldgefühl sozusagen.

Was natürlich kompletter Blödsinn ist, denn nur weil ich vier meiner fünf Schneebesen verschenke, hat jetzt kein armer Mensch irgendwo auf der Welt mehr oder weniger deswegen.

Aber es war eine große Hemmschwelle für mich und es kostete mich viel Überwindung.

Das emotionale Problem

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil viele der Gegenstände, welche ich verschenkt oder gespendet habe, ein Geschenk waren. Allesamt von lieben Menschen mit Liebe für mich ausgesucht.

Oder es waren liebe Erinnerungen an Verwandte oder meine Kinder. Ich hatte das Gefühl, diese besonderen Menschen zu verraten.

Diese Dinge, die emotional besonders aufgeladen waren, haben mir das meiste Kopfzerbrechen gemacht.

Im Endeffekt habe ich mich dann doch davon getrennt. Zum ersten dachte ich mir: ich kann diesen Dingen nicht die nötige Wertschätzung entgegenbringen, indem ich sie im Keller vergammeln lasse. Gleichzeitig kann ich nicht alle ihrem Wert gemäß in meinem Haus präsentieren oder benutzen.

Zum zweiten war dann der Gedanke: zum Zeitpunkt des Erhaltes, hatten diese Dinge ihren Sinn und ihren Wert. Doch jetzt nicht mehr. Sie sind für mich zu einer emotionalen Belastung geworden. Und ich dachte daran, dass diese Dinge bei anderen Menschen wieder den Sinn und Wert bekommen, den sie verdienen und bei mir nicht mehr erhalten werden.

Dies hat mir dann die Entscheidung doch etwas vereinfacht. Aber es war trotzdem schwierig.

Bei Kunstwerken meiner Kinder habe ich mir folgendes überlegt: Es reicht wenn ich die ein, zwei schönsten davon (pro Kind) schön rahmen lasse und aufhänge. Sie stehen stellvertretend für alle Kunstwerke meiner Kinder und den Rest kann ich ohne schlechten Gewissens weggeben.

Es ist auch eine gute Idee den Großeltern, Pateneltern, Freunden und sonstigen Verwandten regelmäßig solche Kunstwerke zu schenken oder zu schicken. Das Chaos daheim wird weniger, die familiäre Bindung mehr und der Empfänger freut sich sicher sehr darüber.

Nach dem gleichen System bin ich bei allem vorgegangen, was einen besonderen, emotionalen Wert für mich hatte. Erbstücke, Fotos, Sammlungen, usw. Ich habe mir in jeder dieser Kategorien meine Lieblingsstücke rausgesucht, welche stellvertretend für alle Gegenstände dieser Kategorie stehen. Diesen habe ich dann einen eigenen, speziellen Platz zugewiesen. Dort kann ich sie täglich bewundern.

Den Rest davon habe ich weggegeben.

Der neue Minimalismus

Trotz dieser ganzen Arbeit kann ich sagen: ich bin immer noch kein Minimalist. Ich habe immer noch sehr viel Kram.  Aber ich habe meinen gesamten Besitz doch sehr ausgedünnt.

Und doch bin ich überrascht, wie viele Dinge ich für ein – für mich – glückliches Leben brauche. Vielleicht mache ich in einem Jahr wieder eine „Kur“ dieser Art, aber momentan bin ich zufrieden mit dem Stand der Dinge (wie passend). Es könnte weniger sein, aber ich fühle mich noch nicht im Stande mich von mehr zu trennen.

Das sollte auch nicht der Punkt sein: du solltest dich nicht mit Gewalt von etwas trennen, wenn du es nicht willst. Doch solltest du doch die meisten Sachen in deinem Haus kritisch betrachten und dich öfter fragen, was du wirklich brauchst. Kannst du es aus vollem Herzen bejahen, dann bitte behalte es. Aber zögerst du, dann weißt du eigentlich eh schon Bescheid.

Hast du auch schon Erfahrungen mit dem aussortieren? Wie erging es dir dabei? Wie fühlst du dich? Ich würde mich sehr über deinen Bericht in den Kommentaren freuen.

xo

Angelika

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