Herz und Verstand
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Entwurzelung: wenn die Säulen deiner Kindheit wegbrechen und wie du zu deinem neuen Leben findest

Entwurzelung: wenn die Säulen deiner Kindheit wegbrechen und wie du zu deinem neuen Leben findest

Ich wohnte bis zu meinem 22. Lebensjahr bei meinen Eltern. Eine ziemlich lange Zeit also. Natürlicherweise habe ich viele Ihrer Gepflogenheiten angenommen, das Leben das sie und ich führten war mir selbstverständlich. Ich begann im elterlichen Betrieb zu arbeiten und blieb dort bis ich mit 28 Jahren mit meinem ersten Kind schwanger war.

Ich zog also mit 22 Jahren aus dem Elternhaus aus und begann ein eigenständiges Leben mit meinem Mann. Ich schnupperte zum ersten mal Familienluft in einer anderen Familie und erkannte: „Aha, es ist also nicht überall gleich wie bei uns.“

Trotz dieser Erkenntnis behielt ich mein gelerntes Leben bei und lebte ich nach wie vor genauso, wie ich es bei meinen Eltern getan hatte. Nur unter anderer Adresse. Der Job blieb der gleiche und natürlich sahen wir uns täglich.

Die Wende

Jetzt bin ich 33, werde bald 34, und habe vor gut einem Jahr (ziemlich spät also) begonnen, mich endlich von meinem Elternhaus zu lösen. Ich begann also (endlich) im vorigen Jahr an meinem Selbstgefühl zu arbeiten.

Natürlich kam durch meine Empfindungen auch das Thema der Bindungen an das Elternhaus auf und die Lebensweise, die mich so prägte und die ich komplett übernommen habe.

Durch viel Geduld und Achtsamkeitsübungen erkannte ich, wer ich wirklich war und begann gewisse Verhaltensweise und Gepflogenheiten abzulegen bzw. anzupassen. Anfangs waren sie mir sehr fremd, ich kannte nichts anderes, aber ich wusste:

das bin jetzt ich. 

So begann ich, mich in kleinen Schritten von meiner Kindheit zu lösen. Da es so langsam ging, hatte ich Zeit mich daran zu gewöhnen. Auch waren die Adjustierungen eher von geringem Ausmaß und keine riesigen Einschnitte in mein Leben.

Spontane Einstürze

Viel schlimmer waren für mich die großen Brocken, die einfach spontan – ohne mein zutun – passierten. Damit konnte ich lange Zeit nicht umgehen. Die tragenden Säulen aus meiner Erinnerung stürzten ein und das frühere Leben war nicht mehr so, wie es sein sollte.

Meine beiden Großeltern starben innerhalb von 14 Tagen. Die Katze meiner Mutter starb mit 18 Jahren. In der Wohnung meiner Großeltern (im gleichen Haus wie meine Eltern) zogen fremde Menschen ein.

Zwei Paare Onkeln und Tanten ließen sich scheiden. Einige wurden Alkoholiker und erlitten schwerste Krankheiten. Der Garten meiner Großeltern wurde aufgelassen. Meine Eltern sind nun nicht mehr rund um die Uhr erreichbar, da sie jeden Samstag bis Montag zu ihrem Wochenendhaus fahren.

Viele Bräuche und Gepflogenheiten von früher passen nicht mehr in mein neues Leben. Die ersten Meinungsverschiedenheiten tauchten auf. Meine Schwester zog aus. Und so weiter.

Ich fühlte mich stark entwurzelt, schließlich war nichts mehr so, wie ich es über 30 Jahre lang kannte.

Finde deine neue Heimat

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als endlich zu akzeptieren, dass ich jetzt ein neues Leben führen muss.

Geholfen hat mir dabei folgendes:

  • Ich habe mir bewusst gemacht, das meine „neue“ Familie und ich unsere eigenen Regeln finden müssen.
  • Ich und meine Familie finden auch neue Traditionen. Es ist kein Problem, wenn sie komplett anders sind als die alten. Sie müssen nur zu uns passen.
  • Ich schreibe mir alles auf. Alle Gefühle und Gedanken. Dann schlafe ich darüber und lese sie mir am nächsten Tag nochmal durch. Ist es wirklich so schlimm? Nein, meistens nicht.
  • Ich habe mir bewusst gemacht, dass die größte „Arbeit“ meiner Eltern getan ist. Ich bin jetzt (fast) alleine für mein Leben verantwortlich. Ja, es kann beängstigend sein. Aber es ist eine riesengroße Freiheit, die uns da vergönnt ist. Ich kann nicht von meinen Eltern erwarten, dass sie sich nie verändern, nur damit ich glücklich bleibe.
  • Meine Eltern verschwinden nicht einfach. Ich kann sie jederzeit um Rat fragen.
  • Ich habe mich viel und intensiv mit meinem neuen Haus auseinandergesetzt und daraus meine neue Heimat gemacht. Es ist zu 100% ich. Ich habe es so gemütlich wie möglich gestaltet, viel geräuchert oder mit ätherischen Ölen gearbeitet. Ich habe Platz für alle meine Bücher, die Kunstwerke meiner Kinder hängen in der Küche, ich habe einen kleinen Garten. Ich kann es endlich genießen, wie meine Kinder und mein Mann es zu meinem zu Hause machen. Obwohl es einige Jahre dauerte, fühle ich mich jetzt ganz und gar zu Hause.
  • Ich treffe mich einmal in der Woche mit meinen Eltern.
  • Ich habe viel an mir selbst gearbeitet und herausgefunden, wer ich wirklich bin. Was mich selbst ausmacht. Ich habe gelernt zu erkennen, wer ich bin und welcher Teil von mir nur anerzogen oder angelernt ist.
  • Ich habe gelernt, Nein zu sagen und meine Energien zu schützen.
  • Ich habe einen kleinen Tisch mit Fotos meiner Familie. Auch von den Verstorbenen. Es hilft mir, wenn ich zB an Feiertagen, ihren Geburtstagen, Allerheiligen oder am Todestag eine Kerze anzünde und ihnen Danke für alles, was sie für mich getan haben.
  • Ich habe jetzt selber eine Katze.
  • Ich übe mich immer noch in Achtsamkeit und meditiere nach wie vor sehr gerne und arbeite mit Affirmationen und Visualisierungen. Es hilft. Vor allem, wenn ich traurig bin.
  • Ich habe ein Vogelhaus vor meinem Fenster. Meine Großeltern liebten nichts mehr, als die Vögel an der Futterstelle zu beobachten. Die Vögel an meinem Futterhaus verbinden mich mit ihnen.
  • In meinem Garten wachsen zwei Pfingstrosen, die ich aus dem Garten meiner Großmutter mitgenommen habe. Ihre Lieblingsblumen.
  • Ich musste lernen, dass auch meine Eltern nicht perfekt sind. Dass es völlig in Ordnung ist, als Kind nicht einer Meinung mit ihnen zu sein. Und es auch zu sagen.
  • Ich erlebe mit meinen Kindern jetzt so viele neue Abenteuer, dass die Vergangenheit langsam verblasst bzw. ihren überhöhten Stellenwert ein bisschen einbüßt.
  • Ich lebe nun in der Gegenwart, nicht mehr in der Vergangenheit.
  • Ich konnte endlich akzeptieren, dass das Leben nicht immer nur Happy-Peppy-Sonnenschein ist. Paare bleiben nicht ewig zusammen, Menschen sterben. Aber für jeden traurigen Moment gibt es mindestens einen positiven zum Ausgleich. Die Zeit heilt alle Wunden und ich versuche inzwischen aus jeder Prüfung eine Lehre zu ziehen bzw. wenigstens einen kleinen, positiven Funken zu finden (zB waren meine Großeltern schon sehr, sehr alt, schwer krank und hatten furchtbare Schmerzen. Und ich weiß, dass beide – trotz vieler Prüfungen – ein wunderbares Leben hatten, indem sie sich alle ihre Herzenswünsche erfüllen konnten.)

Findest du erst deine wahres Ich, ist der Weg ins neue Leben nicht mehr allzu beschwerlich. Es kostet aber etwas Arbeit.

Frage dich dafür:

  • Warum mache/sage/tue ich das?
  • Warum definiere ich mich nur über das Kind in mir?
  • Warum sind mir die Rollen, die mir mein Elternhaus anerzogen hat, so wichtig?
  • Warum hafte ich so an meinen Gewohnheiten?
  • Warum sollte es so bleiben, wie es ist? Wie kann ich es behutsam ändern und meinem neuen Leben anpassen?
  • Bin das wirklich ich?
  • Mache ich das, weil es bei uns zu Hause immer so gemacht wurde?
  • Oder weil meine Mutter, Vater, Großmutter, beleidigt ist, wenn ich es anders machen würde?
  • Tue ich das, weil es mir wirklich gefällt oder will ich nur jemandem gefallen?
  • Tue ich etwas nur, weil ich Angst habe meine Verbindungen an früher zu verlieren?
  • Oder aus Bequemlichkeit? Schließlich muss man sich schon etwas Mühe geben, um neuen Traditionen und Gebräuche zu erschaffen oder Verhaltensmuster abzulegen.

Noch ein paar Tipps zum Abschluss:

  • Ehre deine Ahnen und Vorfahren, denke an sie in Liebe.
  • Gestalte dein neues zu Hause so gemütlich und besonders, wie du es willst. Es ist deine neue Bastion gegen die Aussenwelt. Dein Refugium soll dir Schutz bieten und deine Energien wieder aufladen. Lasse dir dabei von niemandem dreinreden. Es soll dein ganz besonderer Zufluchtsort werden, so wie es früher dein Elternhaus war.
  • Bemühe dich um regen Kontakt zu deiner Familie und deinen Freunden. Auch deine Freunde sind deine Familie.
  • Erkenne, wer du bist. Du musst den Unterschied sehen können, zwischen dem, der du wirklich bist und dem, der so ist wie deine Eltern. Zwischen deiner echten Persönlichkeit und der Form, in die du gegossen wurdest, an die du dich angepasst hast.
  • Alles ist Vergänglich, jedes Leben, jede Situation, auch du. Akzeptiere das. Übe dich in Verhaftungslosigkeit.
  • Habe den Mut Neues zu erfahren. Nur weil etwas immer so gemacht wurde, heißt das nicht automatisch, dass es gut für dich ist.
  • Sieh es als neue Chance für dich. Endlich hast du die  Möglichkeit alles so zu machen, wie du es willst. Hört sich das nicht super an? Wer möchte da noch alles so machen, wie seine Alten? Eben. Genieße diese Gelegenheit.

Dies sind meine Tipps, wie du dich in deinem neuen Leben besser zurechtfindest. Fällt dir etwas dazu ein? Hast du noch mehr Tipps? Es wäre besonders toll, wenn du uns an deinen Gedanken in den Kommentaren teilhaben lässt.

xo

Angelika

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