Herz und Verstand
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In deinem Alter solltest du aber schon…

Verheiratet sein, Kinder haben, ein Haus bauen, einen erfolgreichen Job haben, eine eigene Firma haben, etwas erreicht haben, etwas „darstellen“ (mein Liebling unter den Vorwürfen),…

Kennt ihr das?

Ah ja, die soziale Erwartungshaltung. Wer liebt sie nicht? Es ist nicht so einfach, die Erwartungen zu erfüllen die Familie, Freunde, Partner, Gemeinschaft, an einen stellen. Aber ist das überhaupt nötig?

Muss ich wirklich mit punkt 30 verheiratet sein?

Warum wird einem in den Zwanzigern noch so viel Freiheit zugestanden und ab dem 30. Geburtstag nicht mehr? Sollen jetzt alle über Nacht zum erfolgreichen Firmengründer mit 2 (wohlerzogenen) Kindern werden, nur weil wir einen runden Geburtstag feiern?

Die sozialen Erwartungen sind ganz schön unverschämt

Sie mischen sich bis ins privateste Detail des Lebens ein. Man soll bitte Kinder haben. Zwei sollten es sein. Ein Junge und ein Mädchen. Mit drei Kindern ist man schon arg an der Grenze zum Grattler und alles über drei ist sowas von asozial. Wohnt man gar noch in einer Wohnung und hat noch kein Haus gebaut: Hallo, was ist da los?

Ganz übel dran ist man, wenn man zu allem Unglück noch nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Dick, nicht Blond, unter oder über 1,65 (Damen) bzw. 1,80 (Herren) groß, Pfui!

Hat man immer noch seinen alten Bürojob und ist noch kein Abteilungsleiter, ist man  ein Versager, wobei hier den Frauen mehr Milde zugestanden wird: sie brauchen keinen Job, den sie haben gefälligst für Nachwuchs zu sorgen (siehe oben).

Hat man dann endlich die Kinder bekommen, die sich die Gesellschaft wünscht, geht es erst wirklich los. Stillen, impfen, Brei, wickeln, Elternbett oder nicht, alles wird auf die Waagschale gelegt.

Bewegt man sich nicht genau auf der gängigen „So machen es alle schon immer“ – Linie ist man unten durch. Die Kinder schlafen bei euch im Bett? Ihr Monster! Du stillst nicht? Du Kinderquäler!

So könnte ich noch etliche Seiten füllen. Ihr sicher auch.

Warum ist es für die meisten so wichtig, der Erwartungshaltung zu entsprechen?

An erster Stelle steht das Gefühl von Sicherheit. Es wurde alles schon erprobt, man weiß ungefähr wie es ausgeht oder wie es weitergeht, es gibt immer jemanden bei dem man sich Rat holen kann.

Zweitens wäre da unser Urprogramm des sozialen Wesens. Menschen sind soziale Wesen und stehen drauf, wenn sie irgendwo dazugehören können. Dieses Urprogramm ist nicht so einfach auszuschalten. Ohne es, ohne die Gemeinschaft, wäre wohl der eine oder andere Steinzeitmensch mehr dem Säbelzahn zum Opfer gefallen.

Erstellt man seine eigenen Regeln, ist man immer der Erste

Es gibt praktisch keinen, der mit ein paar weisen Worten einspringen kann oder einige Tipps auf Lager hat. Man muss sich alles selber beibringen und austesten, ob es so funktionieren kann.

Funktioniert es nicht, ist man selber dafür verantwortlich und muss die Konsequenzen tragen. Es gibt meistens noch keine funktionierende „Community“ und wenn doch, ist sie gerne virtuell und die Mitglieder im ganzen Land verstreut. Also einen schnellen Tratsch mit der Nachbarin, die auch so drauf ist, gibt es leider nicht.

Dazu kommen noch spitze bis gemeine Kommentare von allen angepassten, die es so machen, wie es schon immer gemacht wurde. Jeder Besserwisser auf der ganzen Welt stürzt sich mit Genuss darauf und gibt sein gefährliches Halbwissen weiter, das er irgendwo in der Gala gelesen hat.

Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom

Diesen Spruch habe ich vor ewiger Zeit, in meinen Teenagerjahren, einmal gelesen und seitdem begleitet er mich und macht mir Mut. Trotzdem hat es noch gut 20 Jahre gedauert, bis ich ihn leben konnte. Denn zum Anderssein braucht man schon ein kleine Portion Mut und eine große Portion Gelassenheit.

Vor Jahren machte ich den Versuch Veganer zu werden. Ausnahmslos jeder meiner Freunde, Familie und Arbeitskollegen, sogar wildfremde Menschen, haben mich angesprochen, belehrt, kritisiert.

Eine Freundin war ziemlich lange sehr böse auf mich und teilte mir äußerst ungehalten mit, dass ich ihrem Vater, einem Landwirt, die Existenzgrundlage wegnehme wenn ich kein Fleisch esse.

Es dauerte ein halbes Jahr und ich gab dem Druck nach. Ich hielt es einfach nicht mehr aus, die Komische zu sein, die nicht alle Tassen im Schrank hat. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich wieder einen Versuch in diese Richtung unternahm.

Ja es gibt diese Menschen, die von Geburt an mit riesigem Selbstvertrauen gesegnet sind und für die es normal ist, zu tun was immer sie wollen, ohne über andere Nachzudenken.

Bei mir war das leider nicht so. Ich wurde dazu erzogen immer auf andere Rücksicht zu nehmen. Es war viel Arbeit für mich aus diesem Denkmuster auszubrechen.

Aber die gute Nachricht ist: jeder kann es!

Jeder kann seine alten Denkmuster ablegen, wenn er dazu bereit ist

Mir haben besonders folgende Übungen dabei geholfen:

  • Affirmationen. Ich habe mir täglich in mein Journal 15 mal eine Affirmation aufgeschrieben. Es waren keine Meisterwerke, das müssen sie auch nicht sein. Sie müssen nur wiederspiegeln, was euch gerade bewegt oder was ihr ändern wollt. Es reicht ein Satz, positiv formuliert und so geschrieben, als wäre es bereits passiert, zB „ich treffe meine Entscheidungen alleine und stehe dazu“ oder „Ich lebe mein Leben, so wie ich will“. Gewisse Affirmationen haben mich einige Monate lang begleitet, andere wieder nur ein paar Tage.
  • Geführte Meditationen. Dazu benutze ich die App „Calm“. Ich liebe sie. Mein Liebling war und ist noch immer die Meditation „7 Days of Self- Esteem“.
  • Lesen von passenden Texten wie zum Beispiel dem Blog meines Vorbildes Madhavi Guemoes oder guten Büchern, wie zB „Yoga oder die Kunst sich selbst zu finden“ oder „Mich kränkt so schnell keiner!“
  • Gute Vorbilder. Diesen Punkt habe ich schon öfter erwähnt. Sucht euch richtige Vorbilder. Egal wer. Jeder der euch inspiriert kommt in Frage.
  • Schlechte Vorbilder. Dieser Tipp ist jetzt vielleicht ein wenig gemein, aber nützlich. Sucht euch Personen, bei denen ihr euch denkt: hoffentlich werde ich niemals so wie der/die. Abschreckendes Beispiel nennt man sowas. Es hilft oft mehr, wie das gute Vorbild
  • Mantren. Damit arbeite ich wirklich gerne. Man kann sich zum Beispiel ein Mantra für einen ganzen Monat vornehmen, passend zum aktuellen Thema das euch gerade beschäftigt (siehe auch meine Mantren des Monats). Dieses Mantra wird immer wieder „benutzt“, einen Monat lang. Entweder nimmt man sich täglich kurz Zeit um darüber nachzudenken oder etwas darüber zu schreiben oder man verwendet es in einer Japa Mala Meditation: Dazu benutzt ihr eine Kettchen mit 108 Steinen (eine Mala = Gebetskettchen) und sagt oder denkt euch bei jedem der 108 Steine euer Mantra. Also 108 mal „Ich bin genug“ oder „Aum“ (sprich Om), wohl das bekannteste Mantra überhaupt.
  • Praktische Übung.  Darum kommt man nicht herum. Je öfter man sich unangenehmen Situationen stellt, desto geübter wird man darin.

Fazit:

Niemand ist gezwungen, die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Macht es, wenn ihr es wirklich wollt oder diese Erwartungen auch die euren sind. Aber habt ihr eine andere Vorstellung vom Leben: dann tut es einfach!

Es bringt einem gar nichts, wenn  „gut“ über einen geredet wird! Ich bin um keinen Cent ärmer oder reicher, weil die Chefin vom Sparmarkt sagt: „die ist so ein liebes Mädchen“.

Das einzige was ich gewonnen habe ist Lebensqualität. Den Mut zu tun was ich will und mein Leben nach meinen Werten zu gestalten, auch wenn sie vielleicht gar nicht so anders sind. Und das wünsche ich euch auch.

xo

Angie

 

 

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