Herz und Verstand
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Was, wenn man nicht helfen will?

Wenn man nicht helfen will

Ich bin ja grundsätzlich ein großer Freund der Nächstenliebe und predige auch äußerst gern darüber. Ich unterstütze Hilfe und Freigiebigkeit, Liebe und Freundschaft, Zusammenhalt und Familiensinn. Ich helfe auch tatsächlich sehr gerne und freue mich, wenn meine Hilfe meinen Freunden oder meiner Familie das Leben erleichtert.

Jedenfalls fast immer.

Was, wenn man einfach nicht helfen will?

Mein Problem ist dabei folgendes:

In meiner näheren Verwandtschaft gibt es eine Person, die unbedingt Hilfe benötigen würde. In einer normalen Situation wäre auch ich die erste die „Hier“ ruft und aufspringt.

Bei dieser Person aber will ich einfach nicht. Sie ist durch schwere Krankheit und früheren Alkoholmissbrauch extrem eingeschränkt und bräuchte eigentlich eine helfende Hand. Doch in der Vergangenheit sind sehr viele Dinge vorgefallen, die mich grundsätzlich schon negativ beeinflussen.

Dazu kommt noch, dass ihre nächsten Verwandten es einem extrem schwer machen zu helfen, sich selber aber auch nur eher wenig um sie kümmern. Vor zwei Jahren habe ich schon einen Hilfsversuch gestartet, aber nach einem halben Jahr wieder einstellen müssen.

Ich hatte einfach keine Kraft mehr. War ständig gestresst und genervt. Die Wut ließ ich an meinen Kindern und meinem Mann aus.

Alle Wege enden im Chaos

Meine Optionen sehen in diesem Fall eher schlecht aus:

  1. Wenn ich ihr helfe, werde ich wieder runtergezogen, ausgebeutet und mit gemeinen SMS und Anrufen von ihrem Alkoholiker-Ex bombardiert. Alle Arbeit wird auf mich abgeschoben. Kommt also nicht in Frage.
  2. Wenn ich ihr nicht helfe, habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil ich praktisch nur zuschaue und nichts mache.

In beiden Fällen saugt mir dieses Chaos meine Energien aus. 

Ich habe nun den – für mich schweren – Entschluss fassen müssen, diesen „Fall“ komplett aus meinem Leben zu verbannen.

Es fällt mir unheimlich schwer, weil ich irgendwie den Gedanken nicht los werde, eine behinderte Frau im Stich zu lassen. Aber andererseits denke ich mir: ist denn mein Leben gar nichts wert?

Ich brauche meine Energie. Ich habe einen Job, eine eigene Firma, zwei kleine Kinder. Ich kann dies alles nicht opfern, um den Retter für eine Familie zu spielen, auch wenn sie mit mir verwandt ist. Dieser „Fall“ ist mir zu groß geworden.

Ich bin trotzdem stolz auf mich

Anfangs war ich enttäuscht von mir selbst. Es ist das erste Mal, das ich aufgegeben habe. Jetzt aber habe ich die Lektion gelernt, die mir das Leben mitgeteilt hat:

  • Ich kann stolz auf mich sein, dass ich erkannt habe wo meine Grenzen sind.
  • Dass ich in der Lage war, meine Energiereserven abzuschätzen und Nein zu sagen, bevor sie am Ende sind.
  • Ich kann stolz auf mich sein, weil ich es geschafft habe, die Lage für mich richtig zu erkennen und zu handeln, bevor es zu spät ist.
  • Ich bin stolz auf mich, weil ich mich endlich von meiner Retter-Rolle lösen konnte und gewisse Probleme an mir vorbeiziehen lassen kann.
  • Ich bin stolz auf mich, weil ich Nein gesagt habe und die Konsequenzen davon aushalten kann.
  • Ich bin stolz auf mich, weil ich zur Einsicht gekommen bin, dass ich nicht jedem auf dieser Welt helfen kann. Auch wenn es traurig und schmerzhaft für mich ist.

Meine größte Stütze: meine spirituelle Praxis

Yoga, Meditation, spirituelle Arbeit und meine fixen Routinen im Alltag haben mir sicher dabei geholfen, diese Entscheidung zu treffen. Ich bin dankbar dafür und werde sie auch weiterhin täglich in meinem Leben integrieren.

Sie sind die Säulen, die mich tragen. Die mein Rückgrat stärken und mein Herz überfließen lassen. Gerade in solch schwierigen Situationen erkenne ich wieder, welchen Schatz ich damit gefunden habe.

Geht es mir selber gut, geht es meiner Familie gut. Nur dann kann ich mich so um sie kümmern, wie sie es verdient haben. Das schlechte Gewissen klopft noch manchmal an, aber ich weiß wofür und für wen ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich habe sie mir nicht leicht gemacht. Wirklich nicht.

Jetzt kann ich offen dazu stehen und positiv damit umgehen.

Wie geht es dir damit? Mit der Nächstenliebe, der Hilfe? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?

xo

Angelika

 

 

 

2 Kommentare

  1. Sandra Matteotti sagt

    Man denkt, man müsse doch helfen, man müsse doch ein guter Mensch sein, nur: Wir können und müssen nicht allen helfen. Jeder hat Kräfte und die sind begrenzt. Es ist wichtig, das immer im Hinterkopf zu halten.

    Alles Liebe!

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