Mindset
Kommentar 1

Fühlst du dich schuldig, wenn du glücklich bist? Tipps wie du dein schlechtes Gewissen los wirst

Ich habe eine ganz ungesunde Beziehung. Und zwar zu meinem Gewissen. Genauer gesagt zu meinem schlechten Gewissen, denn das Gute lässt sich eher selten blicken bei mir. Und dem bin ich gerade dabei, auf den Grund zu gehen.

Der Auslöser war eine Episode von voriger Woche: es ist ein Wochentag, die Sonne scheint, ich bin zu Hause und habe erst um 09:30 den Frühstückstisch verlassen. Ich habe gerade etwas in meinem Home Office gearbeitet, unser Mittagessen frisch gekocht aus den Zutaten in meiner Biokiste und sitze nun bereits um 1 Uhr Nachmittags auf der Terrasse und lese ein Magazin.

Aber anstatt diesen wunderbaren Moment zu genießen, habe ich ein schlechtes Gewissen.

Dieses schlechte Gewissen besucht mich inzwischen so oft und regelmäßig, dass ich tatsächlich schon mit dem Gedanken gespielt habe, mir noch einen zusätzlichen Job zu suchen.

Klingt das nicht doof? Ja, das ist es auch. Aber in diesem Moment plagte mich mein Gewissen so extrem, dass ich aufstand und mir eine Arbeit suchte um dann sagen zu können, ich habe auch den ganzen Tag gearbeitet.

Aber warum fällt es so schwer, seinen Erfolg oder sein Glück im Leben einfach zu genießen? Beim Telefonat mit meiner Schwester ist es mir dann selbst aufgefallen, wie dämlich sich solche Gedanken anhören.

Schließlich haben ich und mein Mann unseren Erfolg selbst erarbeitet. Wieso fühle ich mich so schuldig, wenn ich daran denke, das es andere nicht so gut haben?

Ein Versuch der Aufklärung:

  • Natürlich habe ich selbst auch lange von 07:30 bis 17:00 Uhr gearbeitet. Dieses Muster hatte also 13 Jahre lang Zeit, sich einzuprägen. Da ist es natürlich nicht so einfach, sich das in kurzer Zeit abzugewöhnen. Wochentags ist einfach noch für Arbeit reserviert, so wie „früher“.
  • Vor allem geht es darum, dass wir so sein wollen wie die anderen. Um dazu zu gehören. Dabei sein zu können. Zuzustimmen, wenn alle vom großen Stress reden. Ich habe Gott sei Dank keinen Stress. Ich teile mir meine Zeit selber ein. Genau deswegen kommt es mir so vor, als ob meine Arbeit oder meine Leistung nichts wert wäre. Da der Großteil der arbeitenden Gesellschaft einfach gewisse Regeln und Zeiten einhalten muss, fühle ich mich irgendwie Außen vor. Bzw. werde ich Außen vor geschoben mit Kommentaren wie: „du bist ja eh daheim“.
  • Vielfach geht es auch um die Angst, was die Leute von einem denken könnten. In unserer Leistungsgesellschaft zählt eben Leistung. Und wenn man in den Augen der anderen wenig Leistung erbringt, ist man weniger Wert. Oder einfach faul oder ein Schmarotzer.
  • Dabei geht es auch um Anerkennung. Die Leute  können die Arbeit in einem Home Office nicht sehen, also nicht erkennen was man eigentlich tut. Unter Home Office stellen sich viele vor, das man den ganzen Tag mit dem Laptop (und im Pyjama) auf der Couch hockt, knabbert und ein bisschen herumtippt während man nebenbei netflixt. Deshalb wird einem einfach die Anerkennung verwehrt, weil man „ja eh nichts gemacht hat“ bzw. das Ergebnis der Arbeit nicht sichtbar ist.
  • Neid ist ein großer Punkt.  Der Neid der anderen, die dann die eigenen Leistungen abwerten, „die sind ja nichts im Vergleich, zu dem, was ich täglich mache“. In Wahrheit sind sie einfach neidisch, weil ihr Leben eben anders ist, vielleicht komplizierter oder schwieriger. Aber wie es so ist, bevor sie sich selbst eingestehen neidisch zu sein, wird einfach der andere abgewertet. Bis es der andere vielleicht selbst noch glaubt und sich klein macht.
  • Auch ein großer Punkt: zu hohe Erwartungen an sich selbst, die man teilweise nicht erfüllen kann. Danach fühlt man sich schuldig, weil „man versagt hat“ und nicht alle Punkte auf der – übervollen – To Do Liste abgehakt hat.
  • Ganz schlecht in solchen Situationen  ist es, wenn man sich ständig für andere Verantwortlich fühlt. Mitleidet, statt mitfühlt. So empfindet man es schließlich selber als unfair, dass man Glück hat und einen gewissen Lebensstandard aufrecht halten kann, während andere nicht so vom Glück gesegnet sind. Und dem schlechten Gewissen stehen Tür und Tor offen.

Aber was kannst du dagegen tun?

Punkt 1:

In meinem Fall habe ich mir einfach aufgeschrieben, wofür genau ich mich schuldig fühle. Und habe jeden Punkt analysiert. Im Endeffekt stand dann dort eine Liste, mit meinen Erfolgen und Leistungen und was alles nötig war, um mich zu diesem Punkt im Leben zu bringen:

  • Was ich und mein Mann für unseren Lebensstandard alles gegeben haben bzw. mein Mann immer noch gibt, wenn er Tag und Nacht arbeitet und was ich gebe, wenn ich neben dem Büro auch noch meinen Blog, das Haus und die Kinder wuppe.
  • Welche Risiken (persönliche, familiäre und finanzielle) wir eingingen bzw. immer noch eingehen, als wir beschlossen, selbstständig zu werden. Wären andere auch dazu bereit? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis so umhöre: Nein.

Diese Liste habe ich mir ganz vorne in mein Journal und in meinen Kalender geheftet. Sie ist nun das erste, das mich anblickt, wenn ich meinen Tag morgens plane. Ich lese sie mir seitdem jeden Morgen wieder durch, dies werde ich sicher noch einige Zeit weiter so machen. Bis wieder alles so sitzt in meinem Kopf, wie es sollte.

Punkt 2: 

Ist wie immer die Feststellung, dass man an seinem Selbstgefühl arbeiten muss. Irgendwie dreht sich immer alles darum. Ohne Selbstgefühl kann man keinen gesunden Stolz auf sich selbst aufbauen.

Und ich komme zu der Erkenntnis, dass ich die Arbeit an meinem Selbstgefühl in den letzten Wochen etwas schleifen ließ und darum wieder in alte Muster zurückgefallen bin. Das muss umgehend geändert werden, denn ein schlechtes Gewissen oder Schuld sind einige der größten Energieräuber die es gibt.

Der Schuld habe ich einen großen Kick in den Allerwertesten gegeben und lade nun öfter seine Schwester, das gute Gewissen, zu mir ein. Vorsätzlich. Und wenn ich wieder um 1 Uhr auf der Terrasse sitze und lese, denke ich mir ab jetzt bewusst: ich habe es mir verdient, verdammt nochmal!

xo

Angelika

 

 

  • […] Bevor ich mit der bedingungslosen Selbstliebe verschrieben habe, gab es eine Zeit, in der ich das Wohl anderer über mein eigenes stellte. […]